Schachraritäten aus alter Zeit

 

                                           Joachim Petzold - Schachsammler und Historiker

 Professor Joachim Petzold wurde 1933 im sächsischen Weixdorf geboren und erlangte als Historiker mit seinem Spezialgebiet der neueren Geschichte, insbesondere über die Weimarer Republik und die NS - Zeit, Bekanntheit. Nach dem Studium an der Berliner Humboldt - Universität promovierte er 1961. Bis 1991 war er an der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Zentralinstitut für Geschichte tätig, wo ihm 1984 der Professorentitel verliehen wurde. Gleichzeitig erwarb er sich als Schachhistoriker internationales Ansehen. Ab 1982 befasste er sich intensiv mit der Schachgeschichtsforschung und erlangte besonders im Bereich der Entstehungsgeschichte des Schachspiels Bedeutung. Sein umfassendes Werk "Schach. Eine Kulturgeschichte" (1986) bzw. "Schach. Das königliche Spiel. Kulturgeschichte des Schach" (1987) entstand in zweijähriger Arbeit und umfasst die vollständige Geschichte des Schachspiels von den Anfängen bis zur heutigen Zeit. Weiterhin erschienen neben Fachbeiträgen unter seiner Mitwirkung u. a. "Meyers Schachlexikon ...", "Lexikon für Schachfreunde" und "Umkämpfte Krone - Die Duelle der Schachweltmeister von Steinitz bis Kasparow". Neben Schachspielen trug er als Sammler von Schachliteratur eine umfassende Bibliothek zusammen u. a. mit schachhistoriographischen Standardwerken, kulturgeschichtlichen Werken, wichtigen Turnierberichten und bedeutenden deutschsprachigen Schachzeitschriften. Prof. Petzold arbeitete bis zu seinem frühen Tod 1999 stetig an der Erweiterung der Sammlung und an der Vervollständigung seines schriftlichen Werkes. - In der Folge versteigern wir nun Schachbücher aus seiner Hand- und Arbeitsbibliothek unter der Einlieferungsnummer "11".

 

 616. Huarte, Juan. Examen de ingenios para las sciencias. Donde se muestra la diferencia de habilidades, que ay en los hombres; y el genero de letras, que a cada uno responde en particular. La quarta edicion de muchos querida. Amsterdam, J. de Ravestein, 1662. 12°. Mit 1 Titelvignette. Titel, 5 Bll., 420 Seiten. Brauner Lederband mit reicher Rückenvergoldung und Rückenschildchen. (38)

* Vergl. van der Linde II, 419 ff.; vergl. Garrison - M. 4964; vergl. Schmid S. 199. Das erstmals 1575 erschienene Werk "Examen de ingenios ..." der spanischen Arztes Juan Huarte (um 1530 - 1592) gilt als erstes Werk der differenziellen Psychologie. Ausgehend von medizinischen Erkenntnisse, Beispielen und Analyse der klassischen Literatur schuf er ein eigenes Intelligenzmodell und gab Ratschläge für die Praxis. "... the first attempt to show the connexion between psychology and physiology." (Garrison - M.) Gotthold Ephraim Lessing übersetzte das Werk ins Deutsche. Vom Vorbesitzer wegen der an einigen Stellen gemachten Aussagen zum Schach erworben (u. a. auf S. 139 / 140 und 275 - 278). So liest man bei Schmid Zitate aus der deutsche Übersetzung: "Das Schachspiel zeigt am deutlichsten von der Stärke der Einbildungskraft ... Das Schachspiel ist eine Vorstellung der Kriegskunst". Zustand: Exlibris von M. Niemeijer auf Innendeckel. Vorsatz mit privatem Blindprägestempel und Bleistiftnotizen. Name auf Titel gelöscht. Innen leicht gebräunt und vereinzelt fleckig. Einband wenig fleckig und bestoßen. Dekorativ gebundene Ausgabe.     €     250,00

 

 617. Jones, W. u. a. Dissertations and miscellaneous pieces relating to the history and antiquities, the arts, sciences, and literature of Asia. Dublin, Byrne and Jones, 1793. 8°. 6 Bll., 643 Seiten. Marmorierter Pappband mit goldgeprägtem Titeldruck auf schwarzem Rückenschildchen. (38)

* Vergl. Schmid S. 207. Vom Vorbesitzer wegen des interessanten Beitrages auf den Seiten 258 - 265 zum Thema Schach: On the Indian Game of Chess. Eine kleine Einordnung und Anmerkung zu dem Artikel von William Jones findet sich bei van der Linde I, Beil. 13. Zustand: Privater Blindprägestempel auf Vorsatz. Name auf Titel. Innen etwas gebräunt, teilweise stärker und vereinzelt fleckig. Wenige Seiten mit Defekten. Einband leicht bestoßen. Seltene Ausgabe.     €     150,00

 

 618. Koch, Johann Friedrich Wilhelm. Codex der Schachspielkunst, nach den Musterspielen und Regeln der größten Meister, in einer für die Erleichterung des Selbstunterrichts bequemen Bezeichnungsart und Anordnung entworfen ... 2., gänzlich umgearbeitete und stark vermehrte Ausgabe. 2 Bände. Magdeburg, Heinrichshofen, 1813 - 1814. 8°. (Die Kupfertafel "Das Schachbrett" fehlt). VIII, 390; IV, 412 Seiten. Braune Halblederbände mit Rückenschildchen. (11)

* Linde - N. 598; v. d. Linde I, 355 / 356; Schmid, S. 215. Seltenes Schachbuch des Magdeburger Superintendenten und Dompredigers F. W. Koch (1759 - 1833), das er u. a. nach Selenus, Philidor und dem Pariser Club bearbeitete. Der 2. Band "Nebst einem Anhang, enthaltend das Schachspiel unter Drey und Vier Spielern - und des Hieronymus Vida (d. i. Marco Giramolo Vida) Scachias (Scachia Ludus), lateinisch und deutsch." Aus dem Inhalt: Elementarischer Unterricht über die Wirksamkeit und den Gebrauch der Schachsteine, Spielanfänge, Spiele mit Vorgaben, Gemeine Spiele, Gambitspiele, Spielendungen, die vornehmsten Regeln des Schachspiels. Zustand: Vorsätze fleckig. Jeweils Stempel auf Titel verso und letztem Blatt. Innen papierbedingt etwas gebräunt, vereinzelt fleckig und teilweise oben randig. Die Einbände sind angestaubt und etwas bestoßen. Jeweils Etikett auf Rücken. Gesuchte Ausgabe.     €     180,00

 

 619. Lessing, Gotthold Ephraim. Kollektaneen zur Literatur. Herausgegeben und weiter ausgeführt von Johann Joachim Eschenburg. Zweyter Band. K. - Z. Berlin, Voß und Sohn, 1790. 8°. Mit 1 Notenbeispiel im Text. 478 Seiten. Pappband mit Rückenschildchen. (38)

* Linde - N. 6; van der Linde II, 429; vergl. Wilpert - G. 90. Erste Ausgabe. "pp 332 - 39: Schach. Dieser Abschnitt enthält Notizen über Schachbücher in der Wolfenbüttelschen Bibliothek. Lessing bemerkt: Ruy Lopez ist der, dessen Anweisung mir unter allen am besten gefallen hat. Er sagt am Schluss, dass "es sich der Mühe wohl verlohnen möchte, eine vollständige Litteratur des Schachspiels zu sammeln." (van der Linde) Die Angaben zum Schach befindet sich auf den Seiten 332 - 339. Zustand: Exlibris von Richard Hirsch und Poul Hage auf Innendeckel. Blindprägestempel auf Vorsatz. Innen etwas gebräunt, vereinzelt fleckig und oben teilweise randig. Einband bestoßen.     €     150,00

 

 620. (Petrarca, Francesco) (Hülff / Trost und Rath in allem anligen der Menschen ... zwei Trostbücher / Von Artznei und Rath beyde im guten und widerwertigen Glück. Frankfurt am Main, Chr. Egenolffs Erben, 1559.) Folio. Mit 249 (statt 260) Holzschnitten im Text vom Petrarca - Meister, davon 3 ganzseitig. CCXXI (statt CCXXII) Bll. (Titelblatt fehlt). Brauner Halblederband. (38)

* Vergl. Graesse V, 235; vergl. VD 16 P 1728; vergl. Lipperheide Cg54. Interessante ist die Ausgabe durch das zweiseitige Cap. XXVI. des ersten Buches: "Von dem Bretspil und Schachzabel", das mit einem Holzschnitt illustriert ist. Die Darstellung zeigt eine Veranda mit zwei Tischen im Vordergrund, an denen zwei vornehm gekleidete Herren eine Partie Schach und zwei weitere Backgammon spielen. Im Hintergrund spielen zwei Affen Dame. Der italienische Dichter und Geschichtsschreiber Francesco Petrarca (1304 - 1374) gilt als einer der Mitbegründer des Humanismus und war ein wichtiger Vertreter der frühen italienischen Literatur. Die von Stephanus Vigilius übersetzte, erste deutsche Ausgabe dieses Werkes erschien 1532 bei Steiner in Augsburg. "Der Künstler der Holzschnitte, später nicht unwidersprochen mit Hans Weiditz identifiziert, wird nach diesem Werk Petrarca - Meister genannt." (Lipperheide) Die Holzschnitte geben einen guten Einblick in das Leben aller Stände in Stadt und Land jener Zeit, denn sie zeigen unterschiedliche Menschen in verschiedenen Lebenssituationen, wie Berufsdarstellungen, Kostüme aber auch Hausgeräte, Schiffe, Waffen und Kriegsszenen. Zustand: Exlibris von F. Büttner und Etikett auf Innendeckel. Privater Blindprägestempel auf Vorsatz. Buchblock gelockert. Es fehlen folgende Blätter: 6 unn. Bll. (mit Titel); Bl. I - V, CXXXVIII und CXXII. Einige Bll. mit Defekten, die teilweise repariert wurden. Wenige Bll. sind falsch paginiert. Innen gebräunt und fleckig, teilweise stärker. Mit einigen Notizen und Anstreichungen von alter Hand. Holzschnitten teilweise in etwas schwächerem Abdruck. Einband stark bestoßen. Rücken beschabt und mit Defekten.     €     600,00

 

 621. (Philidor, François André Danican.) Le jeu des échecs. Amsterdam, 1792. 12°. Mit 1 gefalteten Kupfertafel. XVI, 215 Seiten. Brauner Lederband mit reicher Rückenvergoldung und goldgeprägtem roten Rückenschildchen. (38)

* Linde - N. 453; v. d. Linde I, 393; Kieler Schachkat. 3057. Das Faltkupfer zeigt die Schachfiguren in zwei Reihen. Philidor (1726 - 1795) war der größte Meister des 18. Jahrhunderts und stärkster Spieler der Welt nach seinen Wettkampfsiegen gegen Stamma. Bereits 1749 erschien sein Buch "L'Analyse du jeu des Echecs", in dem er seine Erkenntnisse über die Schachstrategie veröffentlichte. Damit war er seinen Zeitgenossen weit voraus. Sein Satz "Die Bauern sind die Seele des Schachspiels ..." wurde zur Legende. Von Beruf war er eigentlich Musiker und Opernkomponist. Zustand: Etikett auf Innendeckel. Privater Blindprägestempel auf Vorsatz. Innen gebräunt und vereinzelt fleckig. Wenige Seiten mit Defekten und Kupfertafel randig. Der Einband ist etwas bestoßen. Rücken unter Verwendung alten Materials repariert. Seltene Ausgabe.     €     150,00

 

 622. Philidor, A. D. (André Danican) Die Kunst im Schachspiel ein Meister zu werden. Das ist: Ein neuer Unterricht, wie man in kurzem dieses so edle und beliebte Spiel nach seiner Vollkommenheit erlernen könne. Gewiesen nach den neuesten Mustern des berühmten und itztlebenden großen Schachspiel - Meisters in England ... und Des Arabers Philipp Stamma ... entdeckte Schachspiel - Geheimnisse, nebst einigen Regeln, dieses Spiel wohl zu vollziehen, und den Sieg durch feine und subtile Züge davon zu tragen. Zwei Teile in einem Band. Dritte Auflage. Straßburg, König, 1771. 8°. Mit 1 gefalteten Tafel. 12 Bll. (inkl. Titel u. Vortitel), 352 Seiten. Brauner Pappband. (11)

* Linde - N. 476; v. d. Linde I, 395. Erste deutsche Ausgabe. "Mit der Erläuterung seiner Grundsätze in seinem Buch "L'Analyse du Jeu des Echecs" legte Philidor den Grundstein des modernen Schachs. Er führte das Schachspiel aus den engen Grenzen Euklidscher Beobachtung heraus in den grenzenlosen Bereich Cartesianischen Denkens". (Max Euwe) Philidor war der stärkste Schachmeister des 18. Jahrhunderts, er war Musiker und Schachmeister gleichermaßen. So erschien diese erste deutsche Ausgabe in Straßburg im gleichen Jahr, als in London seine Hymn to Harmony uraufgeführt wurde. Zustand: Name auf Innendeckel. Buchblock gelockert. Innen papierbedingt gebräunt und etwas fleckig. Einband bestoßen und Rücken mit Defekten im Papierbezug. Seltene und gesuchte Ausgabe.     €     380,00

 

 623. Selenus, Gustavus. (Kryptonym für Herzog August d. J. von Braunschweig und Lüneburg) Das Schach = oder König = Spiel. Von Gustavo Seleno, In vier unterschiedene Bücher / mit besonderm fleiß / gründ = und ordentlich abgefasset. Auch mit dienlichen Kupfer = Stichen / gezieret: Desgleichen vorhin nicht aufgangen. Diesem ist zu ende / angefüget / ein sehr altes Spiel / genandt / Rythmo - Machia. Leipzig 1617. Druckvermerk am Ende unter großer verzierter Druckermarke: Leipzig / Gedruckt durch Lorentz Kober. Bey Henning Groß den Jüngern / zu finden. Im Jahr 1616. 4°. Kollation: Vortitel, prachtvoll verzierter Kupfertitel, 5 gestochenen figürlichen Zwischentiteln mit Zierbordüren (davon 4 gleiche), 1 Tabelle, 1 doppelblattgroße Kupfertafel, viele Textkupfer, Vignetten und Zierstücke sowie 30 blattgroße Kupfertafel und einer gestochenen Druckermarke am Ende. 12 Blätter, 495 S. Pappband. (11)

* Van der Linde I, 348 ff; Brunet V, 270; Ebert 20818; Graesse VI, 344. Titelausgabe [= Zweite Auflage] der ersten Ausgabe (Van der Linde S. 351 mit den Merkmalen) und die erste wissenschaftliche Publikation des Herzogs. Das umfangreiche Werk war nach gründlichen Literaturrecherchen entstanden und ist die erste umfangreiche Darstellung zum Thema in deutscher Sprache. Besonders die Ausgabe von Ruy Lopez de Sigura, Libro de la invención liberal y arte del juego del Axedrez ..., Alcala 1561, war Grundlage der Darstellung. Der Herzog hatte das Schachbuch auch auf eigene Kosten drucken lassen. Er kümmerte sich um den Vertrieb und verschenkte einen Teil der Auflage an Fürsten und Herzöge. Ausführliche Hinweise finden sich im Katalog der Herzog August Ausstellung der Bibliothek in Wolfenbüttel 1979, Seite 173 ff. Unser Exemplar stammt aus der ersten Titelauflage, die auf Seite 496 um ein Druckfehlerverzeichnis vermehrt ist. Besonders hervorzuheben ist die doppelblattgroße Kupfertafel, die den Herzog beim Schachspiel mit einem Unbekannten zeigt. (Im Bug unten eingerissen) Der Kupferstich zum Titelblatt war nach genauen Angaben des Herzogs von Kilian 1616 entworfen worden und beinhaltet Legenden um Palamedes, der im Trojanischen Krieg das Schach- und auch das Würfelspiel erfunden haben soll. Auf einer der doppelblattgroßen Tafeln ist Selenus mit einem Ahnherrn, Herzog Ernst zu Braunschweig abgebildet. Auf dem Titelblatt ist statt Palamedes der Herzog beim Schachspiel abgebildet, in einem unteren Bild vertritt er Columbus mit dem Ei. (Ausführliche Darstellungen finden sich im Beitrag von Marion Faber im oben zitierten Katalog und im beiliegenden Katalog "Spielerische Seiten") Die enthaltene Tabula Synopsin exhibens, Artis Scachicae ist statt doppelblattgroß verkleinert auf einer Seite abgebildet. Zustand: Buchblock gelockert. Notizen von alter Hand auf Vorsatz und wenige im Text. Name auf Vortitel. Innen gebräunt und fleckig, teilweise stärker. Die untere rechte Ecke ist durchgehend randig, vorne und hinten jeweils der ersten und letzten Seiten stärker. Wenige Blätter mit Defekten, die teils von alter Hand repariert bzw. ergänzt wurden. Zwei Kupfertafeln unten knapp beschnitten, eine davon mit geringem Bildverlust. Der Einband wurde unter Verwendung eines alten Manuskriptblattes gebunden. Er ist stärker angestaubt, randig und hat einige Defekte und Braunflecken. Exemplar aus der Schachbuchsammlung von Prof. Joachim Petzold. Komplettes und interessantes Sammlerstück.     €     3.800,00

 

 624. Wieland, Christoph Martin. Sämmtliche Werke. Vier und zwanzigster Band: Vermischte Aufsätze, literarischen, filosofischen und historischen Inhalts. Leipzig, Göschen, 1796. 8°. 1 Bl., 387 Seiten. Pappband mit handbeschriftetem Rückenschildchen. (38)

* Schmid S. 362. Vom Vorbesitzer wegen des auf den Seiten 93 - 138 stehenden Aufsatzes "Über die ältesten Zeitkürzungsspielen" erworben. Wieland beginnt mit antiken Würfel- und Fingerspielen. Er kommt dann schnell zum Schachspiel, das er mit einer Geschichte des Schachspiels beginnt. Interessant an den Ausführungen ist die Darstellungsart: mit dem Blick des Aufklärers wird das Schach in Erzählform präsentiert. Zustand: Privater Blindprägestempel auf Vorsatz. Innen gebräunt und leicht fleckig, teilweise stärker. Mit einigen Farbstiftanstreichungen. Einband stärker bestoßen.     €     50,00

 

Zurück